Weil dieser Banjo-Spieler mich mit seiner virtuosen Kunst so beeindruckt hat, hab ich kurz überlegt, woran mich Thunderstruck erinnert – und siehe da, mir ist dazu was eingefallen. Natürlich muss bei meinen sieben Songs was von ACDC dabei sein. Aber jetzt holen wir alle mal tief Luft und springen zurück ins Frühjahr 1992. Es war der Auftakt für das, was ich als den Sommer meines Lebens bezeichnen würde.

 

Ich wette, Brian Adams, die alte kanadische Plunze, hat genau so einen Sommer gemeint, als er „Summer of 69“ schrieb. Und jeder von uns hat so einen Sommer schon erlebt. Mein Sommer begann eigentlich schon im Oktober 1991 mit dem Tod von Roy Black.

Damals lag ich im Krankenhaus und eine Zyste in meinem Bein, wurde von den Ärzten fälschlicher Weise für Krebs gehalten. Vier Tage lang wurde ich durch alle Chemo-Voruntersuchungen gejagt und lebte in dem Glauben, dass ich wohl Krebs haben werde. In dieser Zeit wurde mir klar, dass sogar ich vielleicht eines Tages sterben müsste. Es war Herbst, es wurde Winter und ich wurde wieder gesund.

Voller Energie startete ich ins Frühjahr 1992 und blühte auf. Ich atmete das Leben ganz tief ein und genoss jeden Tag. Zu meinem 16. Geburtstag – der tatsächliche Auftakt des Sommers 1992 – bekam ich von meinen Kumpels heimlich eine Flasche Whiskey und ganz offiziell das Album Razor Edge von ACDC geschenkt. Die anschließende Party feierte ich mit meiner Gang, Thunderstruck und wie es sich für einen richtigen Rocker gehört – mit zu viel Whiskey und viel zu viel Sekt.

Kein Scheiß, ich weiß nicht mehr warum ich überhaupt auf die Idee kam, FÜR MEINEN 16ten GEBURTSTAG EINE FLASCHE SEKT zu besorgen. Aber ich tat es – und kann seit diesem Tag nicht mal mehr an Silvester mit Sekt anstoßen – und Whiskey sorgt erst recht für spontanes Erbrechen. Aber zurück zur Party, die begann standesgemäß mit Guns N’ Roses und “Knocking On Heaven’s Door”

Und weil die Gang und ich schon immer was für rhythmische Musik übrig hatten, stand bei uns damals „No Sleep Till Brooklyn“ (Perle im Link) von den Beastie Boys und – man möge es meinem 16-jährigen und von Hormonen getriebenem Hirn zuschreiben – natürlich auch „Let’s Talk About SEX“ von Salt ’n‘ Pepa sehr hoch im Kurs.

Das Fest nahm seinen Lauf und nach einer ordentlichen Prise Schnupftabak musste ich mich das erste Mal übergeben. Wer von uns dann auf die geniale Idee kam, zur Telefonzelle zu pilgern, um bei Radio Fantasy anzurufen, weiß ich nicht mehr. Wir taten es in jedem Fall und ich überredete den Moderator, unsere übers Telefon eingesungene Version von „Hurz“ erst fünf Minuten nach unserem Anruf zu spielen. Er tat es – ich weiß bis heute noch nicht warum – und wir hörten uns kurz darauf quasi in Farbe im Radio.

Natürlich feierten wir unseren Erfolg mit einem Glas Whiskey und ich musste mich ein weiteres Mal übergeben. Der weitere Verlauf des Abends ist in meiner Erinnerung etwas verschwommen, ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich die leere Flasche Sekt beim „aufräumen“ zerstört habe und mich echt heftig an den Scherben geschnitten habe. Die Narbe trage ich noch heute.

Da ist sie, die Narbe von der bösen Sektflasche....

Da ist sie, die Narbe von der bösen Sektflasche….

Den restlichen April und fast den ganzen Mai verbrachte ich tatsächlich lernend am Schreibtisch, denn irgendwie musste ich den Abschlussprüfungen für die Realschule ja schaffen. Die aufkommende Techno-Welle schwappte an mir vorbei – wobei, U96 war schon irgendwie ziemlich großartig.

Ich glaube Ende Mai oder Anfang Juni war das Thema Schule relativ erledigt für mich. Die aufkommende Langeweile bekämpften mein Kumpel Marc und ich damit, dass wir unsere Fähigkeiten in der hohen Kunst des Torpedo-Saufens perfektionierten.

Wie, Torpedo kennt ihr nicht – Man nehme einen Schlüssel oder Kugelschreiber, eine Dose Bier und einen trinkwilligen Menschen. Der rammt das Metallteil in das untere Drittel der Dose und verschließt das Loch so schnell wie möglich mit dem Finger. Dann nimmt man die Dose hoch, hält den Mund an das Loch, nimmt den Finger weg und entsplintet die Dose. Das Bier schießt dann in einer ziemlichen Geschwindigkeit direkt in die Kehle.

Beim ersten Versuch muss man sich mit ziemlicher Sicherheit genauso schnell wieder übergeben, aber das gehört irgendwie zum Spaß. Marc und ich schafften jedenfalls recht bald eine 0,5-Liter-Dose recht problemlos. Trotz diversen Trainingseinheiten gelang uns das Kunststück niemals mit der Faxe 1-Liter-Dose. Leider.

Erschien leider erst 1995 aber trotzdem passend:

Es folgte ein sehr großartiger, 4-wöchiger Urlaub bei Marcs Mutter in Klagenfurt. Alleine darüber könnte ich ein Buch schreiben. Ich lernte Car-Walking und Rad-Tipping kennen, schoss das erste Mal mit einem echten Gewehr und einer Pump-Gun, beobachtete in Graz und Umgebung einige seltsame Rituale und sah im Kino Otto der Liebesfilm. Ich umgarnte eine blonde und wirklich bildhübsche Kärntnerin im Freibad von Klagenfurt mit meinem Charme und ganz ehrlich – der singende Zahnarzt Dr. Alban schrieb dazu genau den passenden Song.

Wie alles im Leben, geht aber jeder Sommer irgendwann mal vorbei. Am letzten Augustwochenende feierte ich zusammen mit Thomas und Christoph eine legendäre Abschlussparty. Christiophs Eltern waren über das Wochenende in Verona, und ich sollte am kommenden Dienstag meinen ersten Arbeitstag haben. Sturmfreie Bude, ein großartiger Grund – was soll ich sagen, es wurde eine legändere Feier. Wir feierten uns, unsere Jugend und unsere Zuversicht. Das Leben wartete auf uns und wir freuten uns darauf. Wir rauchten, tranken und sangen aus voller Kehle Friends Will be Friends!

Von der Party selbst sind nur Bruchstücke in meiner Erinnerung verblieben. Aber ich schwöre Stein und Bein, dass wir drei uns bei diesem Lied in den Armen lagen und aus voller Kehle mitgrölten. Wir waren jung, voller Kraft. Wir waren unsterblich. Wir wollten, dass dieser Sommer nie vorbei geht. Wir wollten immer zusammenbleiben, denn es waren wahrscheinlich die besten Tage unseres Lebens.

PS: Wie das Leben so spielt, verloren wir uns in den folgenden Jahren fast komplett aus den Augen. Christioph, Christian und Marc habe ich seit dem entweder kaum noch oder fast nie mehr gesehen. Nur Thomas treffe ich hin und wieder noch – vielleicht sollte ich ihm beim nächsten Mal Friends will be Friends vorspielen…

PPS: Den Montag verbrachten wir unter der Aufsicht von Christophs Mutter mit Aufräumen und Wände streichen. Rotwein, eruptives Erbrechen und weiße Wände – mehr sag ich dazu nicht.

PPPS: Wenn der Sohn das je liest, werde ich alles abstreiten.